Filme

Ist die Rede vom Griechenland der Gegenwart, so stehen Begriffe wie Finanzschulden, Eurodebakel und Gesellschaftskrise an der Tagesordnung. Weniger bekannt hingegen ist das neu auferstandene griechische Kino, das dem Negativbild des Landes Schlagzeilen einer ganz anderen Art entgegenzusetzen weiß: was für den Ruf Griechenlands fatale Folgen gehabt zu haben scheint, hat in den Köpfen seiner kreativsten Künstler regelrechte Wunder gewirkt und eine europaweit konkurrenzlose Schaffenswut hervorgerufen. Die Finanzkrise als Fantasiekatalysator? Mit skurrilen Sujets, mutigen Metaphern und ausdrucksstarken Bildern widmen sich junge griechische Regisseure seit 2010 dem sogenannten „neuen griechischen Kino“ - und beweisen so auf internationaler Bühne, dass auch eine Krise im Grunde stets nur eine Frage der Perspektive ist.

Wer sich für absurde Filmspielereien interessiert, der kommt am neuen griechischen Kinos nicht vorbei. Das Wunderduo der Szene sind die beiden Regisseure Giorgos Lanthimos und Athina Rachel Tsangaris, deren Filme nicht nur einen internationalen Filmpreis nach dem Anderen absahnen, sondern auch mit unverblümter Gesellschaftskritik und provokanten Parodien locken. Voll ästhetischer Satire und verstörender Freimütigkeit entführt das Debütwerk „Dogtooth“ (gr. „Kynodontas“) in den Alltag einer Familie, deren patriarchalisches Familienoberhaupt sie mit einem fast schon sadistischen Gottkomplex gänzlich von der Außenwelt abschottet – und so zu Tieren erzieht, deren Rebellion nicht lange auf sich warten lässt.
Ähnlich menschenfremd ist auch die Protagonistin des 2010 erschienenen Films „Attenberg“: bereits der Titel des Films verweist auf die Obsession der jungen Frau mit den Tierreportagen David Attenboroughs, deren Inhalte sie schließlich in der kleinen, abgeschotteten Welt ihrer heimischen Küstenstadt auch an ihrer eigenen Spezies nachvollziehen will. Unter Beihilfe ihrer exzentrischen besten Freundin gelingt es der Protagonistin schließlich, in die Geheimnisse des Menschseins einzutauchen – und eine wunderbare Satire der gesellschaftlichen Moderne zu zeichnen.
Das jüngste Werk der beiden Starregisseure ist der 2012 erschienene Film „Alpen“: in einem von dunklem Humor durchzogenen Gesellschaftsdrama nimmt eine Gruppe sozialer Aussteiger die Rolle verstorbener Familienmitglieder ein, um auf diese Weise die verkommene Welt moderner Moralität, Scheinheiligkeit und Trauer zu erkunden. Morbide, radikal und grenzwertig unterhaltsam – das neue griechische Kino ist ein Phänomen seiner Zeit, das zu gefallen ebenso wie zu schockieren sucht.

Wer es etwas weniger skurril mag, der kann sich stattdessen dem traditionelleren griechischen Kino widmen. Der Regisseur Theodoros Angelopoulos zählt zu den Großen des klassischen griechischen Films und hat sich unter anderem mit Leinwanderfolgen wie „Der Blick des Odysseus“ (1995) oder dem noch unvollständigen Dreiteiler „Trilogia“ einen Namen gemacht. Beide Filme machen auch einen kleinen optischen Abstecher nach Thessaloniki. Das 1998 erschienene Drama „Die Ewigkeit und ein Tag“, das sich in berührender Weise dem Themenkomplex um Alter, Schicksal und Liebe widmet, sowie der 2012 gedrehte Road Movie „The Return of Lazarus“ haben sich die Stadt sogar ganz zum Mittelpunkt gemacht. Und auch James Bond ist bereits in Griechenland unterwegs gewesen: im 1981er Kultstreifen „In tödlicher Mission“ verschlägt es den britischen Geheimagenten unter anderem nach Meteora, dem mystisch-magischen Klosterkomplex unweit Thessalonikis.

Schließlich ist Thessaloniki auch alljährlicher Veranstaltungsort eines renommierten Internationalen Filmfestivals. 2014 feiert das Event bereits sein 55-jähriges Bestehen und lädt jedes Jahr im November die Crème de la crème der internationalen Film- und Art House-Szene in die Küstenperle am Mittelmeer ein. Das Filmfestival legt unter anderem einen besonderen Fokus auf die Undergroundwerke Griechenlands und der Balkanländer und ist so für jeden experimentierfreudigen Kinogänger und Leinwandliebhaber ein absolutes Muss – und bietet dank seines Veranstaltungszeitrahmens im Herbst direkt noch die Gelegenheit dazu, Thessaloniki fernab des sommerlichen Touristentrubels kennenzulernen.